Die WWF zu Gast in Köln - Teil 4
Die InsurreXtion-Tour in Deutschland, 1. Mai 2002

 

Gut & Böse

Das Wrestling erzählt die alte Geschichte von Gut und Böse, greift also auf den Mythos zurück. Wrestler kommen nicht nur einfach sympathisch oder unsympathisch "rüber", sie sind häufig als explizit gut ("Babyface") oder böse ("Heel") gekennzeichnet. Auseinandersetzungen zwischen bestimmten Wrestlern, die in wahrhaft epischer Breite über Wochen oder gar Monate hin erzählt werden, spielen mit dieser polarisierten Gegnerschaft. Dabei bleibt es dem Fan überlassen, auf wessen Seite er sich schlägt. Heels haben durchaus ihre Anhängerschaft. Allerdings macht es der Masse meist mehr Spaß, die Bösewichte im Ring auszubuhen oder mit Schimpfwörtern zu belegen. Beleidigungen werden laut herausgeschrien, jedoch offensichtlich selten ernst gemeint. Der Zuschauer scheint sich der Manipulation durch die Offiziellen "hinter der Bühne" bewußt. Er läßt sich auf das Spiel mit seinen Gefühlen sehr bewußt ein, spielt sozusagen mit.

Vor Ort nahm ich mit Überraschung wahr, wie einige Fans hinter mir Booker T, der gerade wütend in die Ränge auf unserer Seite schaute, mit dem gerade angemessenen "Booker sucks!" belegten. Kaum wandte sich der Ringer ab und seinem Match gegen Ric Flair wieder zu, schrien dieselben Fans begeistert "Booker T! Booker T!".

Scott Hall & Kevin Nash

Das "Wolfpack", die "Outsiders"
oder die nWo
Scott Hall & Kevin Nash
(im Hintergrund: Big Show)

In den meisten Matches wird der Kampf der Mächte des Guten gegen die des Bösen allerhöchstens angedeutet, wenngleich eine Polarisation fast immer vorhanden ist. - Sympathieträger waren in Köln u.a. der "kleine" Spike Dudley im Match gegen den unfair kämpfenden William Regal, die hübsche Jaqueline, die gegen die muskulöse und fast männlich wirkende Jazz antrat, Crash in seiner Auseinandersetzung gegen die Kampfmaschine Brock Lesnar oder die schöne Trish Stratus, die sich zusammen mit Jerry Lawler gegen Molly und Mr. Perfect durchsetzen konnte.

Als wirkliche Bösewichte traten in Köln vielleicht nur Scott Hall und Kevin Nash auf. Das sog. Wolfpack griff nämlich in das noch laufende Match von Big Show und Bradshaw ein und sorgte für den Triumph des Hünen gegen den eigentlich nicht schwächer agierenden Bradshaw.

Der Einsatz unfairer Mittel, das Eingreifen als eigentlich Außenstehende, das Übertreten von Regeln, v.a. aber unnötige Gewalt zeichnen Heels aus. Gewalt dient hier nicht der Verteidigung oder der Wiedergutmachung (Anmerkung: Wrestling folgt hierin erwartungsgemäß der amerikanischen Vorstellung des biblisch anmutenden Grundsatzes "Auge um Auge"!), sondern ist Mittel zum Zweck. Es soll eine (nicht zu rechtfertigende) Position stärken und/oder erhalten. Dadurch werden einmal mehr Emotionen beim Zuschauer geweckt.

Egal, ob er auf der Seite des ein ums andere Mal um den Sieg betrogenen Guten ist oder dem allen Widerständen trotzenden Bösewicht zujubelt, ein Fan ist sich stets der Spielregeln des wirklichen Lebens bewußt. Nur deshalb existieren Anhänger der Heels, kann sich doch der Fan mit ihrem Widerspruchsgeist identifizieren. Solche Rollenmodelle sind jedoch nicht bedenklich. Sie fördern ja erst die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, und die Alternativen, die sich bieten, können nicht ernsthaft als bedenklich verurteilt werden. Das Wrestling ist entweder eine Flucht aus einem unbefriedigenden Alltag, oder es bietet über die Identifikation mit dem Star ein Vorbild, das eigene Sein zu verbessern. Wohlgemerkt nicht mit Gewalt! Jeder echte Fan ist sich nämlich bewußt, daß sich hinter der Ringpersönlichkeit der Stars ein Mensch verbirgt, der eine Rolle spielt. Mehr noch, daß dieser Mensch eine enorme Leistung erbringt und lange Jahre des Trainings auf sich nehmen mußte, um im "squared circle" einmal Babyface oder Heel spielen zu dürfen...

 

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oder
Statement zu Scott Hall

 

© Christine Fößmeier (Bild & Text)