Die WWF zu Gast in Köln - Teil 5
Die InsurreXtion-Tour in Deutschland, 1. Mai 2002

 

Main Event

Wenig im Bereich des Sports mag so vorhersehbar sein wie das Wrestling, denn Wrestling hat längst die Grenzen zwischen Sport und Unterhaltung überschritten. Daher spricht man ja auch von "Sports Entertainment", ein Begriff, der ursprünglich von Vince McMahon stammen soll. Aus der World Wrestling Federation ist im Mai 2002 nicht nur aufgrund eines zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht beendeten und vom World Wildlife Fund (ebenfalls "WWF") angestrengten Gerichtsverfahrens World Wrestling Entertainment geworden. Man will auch das Produkt "Wrestling" unter dem Gesichtspunkt "Unterhaltung" verkaufen und ein neues Image aufbauen. Die Entwicklung hat ohnehin zum "Soap Opera Wrestling" geführt: Zumindest in den wöchentlichen Fernsehausstrahlungen wird die "Kampfzeit" immer kürzer. Stattdessen werden Geschichten um die (fiktiven!) Ringpersönlichkeiten erzählt.

Doch ein Hallen-Event wie der in Köln am 1. Mai 2002, der nicht im Fernsehen übertragen wird, läuft anders, wenngleich nicht unbedingt weniger voraussagbar. Die Matches steigern sich nämlich hin zum Main Event, dem großen Schlagabtausch zweier Superstars. In Köln waren das der Undertaker und Steve Austin. Ein würdiger Main Event, zumal der "Dead Man" bzw. Undertaker einen durchaus lebendigen Eindruck machte. Die Sympathien überwogen jedoch für seinen als "Face" (d.h. Guten) aufgebauten Gegner Austin. Nicht zu unrecht, denn Stone Cold spielte sein ganzes Können aus - und damit meine ich nur bedingt das wrestlerische Vermögen. Was Stone Cold schließlich sogar meine Sympathien einbrachte, war ein kleines Lächeln, das wohl nicht "im Drehbuch" stand, ein Lächeln, das mitten im Match dem Publikum galt. Es schien Austin in diesem Augenblick einfach Freude zu bereiten, in Deutschland im Ring zu stehen. Das Publikum nahm's ohne das mit Stone Cold verbundene obligatorische "What?" zur Kenntnis. Wahrscheinlich waren alle zu hingerissen von diesem Lächeln, das selbst den grimmigsten Wrestler so sympathisch machen kann...

The Undertaker

The Undertaker

Stone Cold Steve Austin

Stone Cold Steve Austin

Das Match zwischen dem Undertaker und Steve Austin machte eines klar: Im Wrestling geht es darum, das Publikum so für eine Sache zu faszinieren und damit vergessen zu machen, daß nichts wirklich echt ist. Doch aus dieser Illusion kann wiederum etwas Wahres und fast Greifbares werden. Nach einigem Hin und Her triumphierte Stone Cold über den Undertaker. Genau das hatte das Publikum sehen wollen. Es feierte seinen Helden, und der Held feierte mit seinem Publikum. Die "Bier-Orgie", die Austin regelmäßig am Ende eines solchen Abends veranstaltet, ist ein Gemeinschaftserlebnis. Und auch Stone Cold genoß dies sichtlich, ließ sich immer wieder von den Fans in den Ring zurückholen, knackte weitere Dosen Bier und schüttete sich die "Steveweiser" im Doppelpack in den weit aufgerissenen Mund und über die Brust. Es spritzte, und es stank nach Gerstensaft, aber allen machte es Spaß!

Feier des Steve Austin

Feiern mit den Fans

Es erscheint durchaus angemessen, von einem Katharsis-Effekt zu sprechen. Kein Theaterstück kann heutzutage junge Leute "läutern" und ein reinigendes emotionales Erlebnis bieten. Wrestling kann hier natürlich nicht in die Bresche springen. Dennoch ist es zwar keine qualitätvolle, wohl aber eine legitime Unterhaltungsform. An die "Performer" stellt es höhere Ansprüche als an entsprechende Sportler (z.B. Ringer, Kampfsportler...) und Schauspieler, denn schließlich muß ein Wrestler sowohl sportlich Höchstleistungen bringen, als auch seine Rolle im Ring und das Spiel mit den Zuschauern beherrschen. Das Wrestling als "dumm" oder "brutal" abzuqualifizieren, spricht eher für die Dummheit derer, die solche Äußerungen vorschnell parat haben, und für deren Unfähigkeit, sich ernsthaft mit dieser einmaligen Form des Sports Entertainment auseinanderzusetzen.


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Statement zu Stone Cold Steve Austin (Steve Williams)

 

© Christine Fößmeier (Bild & Text)